WDRprint Juli/August 2019

65 Im Gespräch Krankenhäuser schließen, um Leben zu retten. Was para- dox und provozierend klingt, zeigt ein neuer Dokumen- tarfilmder vielfach ausgezeichnetenWissenschaftsjour- nalistin Meike Hemschemeier (46) auf. Das Ergebnis einer Studie, die im Auftrag der Bertelsmann Stif- tung entstanden ist und deren Entstehung der Film exklusiv begleitet, ist eindeutig: Auf die Qualität der Kliniken kommt es an, nicht auf die Quantität. Um mehr zu erfahren, treffen wir die Autorin auf einen Cappuccino imKölner CaféCentral – einenKatzen- sprung entfernt von der Längengrad Filmproduk- tion, wo sie den Film gerade schneidet. WenigerKliniken–bedeutet das nicht eine schlech- tere Versorgung? Nein. Dennwir sind nicht sicherer, jemehr Krankenhäuser wir haben. Das einzige, was wirklich zählt, ist, ob jemand aus einem Krankenhaus gesund herauskommt. Kliniken halten in vielenFällennicht,was sichdieMenschenvon ihnenversprechen. Woran liegt das? DieKrankenhausstruktur passt nichtmehr zumStandder Medizin.Wer einHerzproblem hat, kann in ein Spitzenkran- kenhaus gehen und die beste Behandlung bekommen. Nur: Viele gehen nicht dorthin, son- dern in irgendein Krankenhaus. Wo sie landen, ist Glückssache. Nicht jedes Krankenhaus kann alles behandeln? 1400 Kliniken in Deutschland behandeln Herzinfarkte. Aber nur 35Prozent von ihnenhabeneinHerzkatheter-Labor, das rundum dieUhr besetzt ist.Wenn sie auf den Spezialistenwarten oder einen Patientenweiterverlegenmüssen, verlierensienur Zeit. InDänemark findet die komplette Herzinfarkt-Versorgung in nur vier Kliniken statt. Das Rettungswesen wurde umgestellt, bei einer Entfernung über 50Kilometern kommt der Helikopter. Die Leute landen immer im richtigen Krankenhaus. In Deutschland nicht? Wirhabenesschwarzaufweiß,dassdieSterblichkeitsratenied- rigerist,wenneineschwierigeOperationineinerSpezialklinikdurch- geführt wird. VieleMenschen sterben zumBeispiel an Rettungsver- sagen–wenneineKomplikationeintritt, diedieÄrztenicht kennen. So etwas passiert ineiner Spezialklinik seltener. Inder Forschung ist es unbestritten, dassKrankenhäuser geschlossenwerdenmüssten. Aber wer ist künftig für Beinbruch, Blinddarm oder Geburten zuständig, wenn nicht mehr das Krankenhaus in meiner Stadt? Auf einen Cappuccino mit MeikeHemschemeier AutorinMeikeHemschemeier: „DieHälfteder Krankenhäuser reicht aus.“ Foto:WDR/Anneck Auch für Blinddarm-Operationen und Geburten gilt, dass manErfahrung braucht.Wenn Sie bei einer Geburt einProblem haben, muss oft innerhalb vonMinuten gehandelt werden.Wir müssen die Debatte führen, was wir wollen: ein Krankenhaus, das 20 Minuten weit weg ist – was die Gefahr birgt, dass etwas schiefläuft. Oder 30Minuten zu fahren, aber dann ist immer der Facharzt, die Ausstattung, die ich brauche. Wie kam es zur Studie? Dass wir zu viele Kran- kenhäuserhaben, hat bei vielen meiner Filme schon eine Rolle gespielt, abernur amRande. Ich wollte dieses Mal in die Tiefe gehen. Bei der Recherche bin ich darauf gestoßen, dass sich die Bertelsmann Stiftung schon häufig mit demThema beschäftigt hat. So entstand der Kontakt und dann die Idee, parallel zum Film eine Studie erstellen. Was war die größte Herausforderung beim Film? Fälle zu finden, Ärzte zu finden, die sich äußern. Denn man braucht ein Standing, um zu sagen: Die Hälfte der Kran- kenhäuser reicht aus. Glauben Sie, dass der Film einen Impuls geben wird? Wir müssen es wenigstens versuchen. Wenn man das Grundproblem einmal erkannt hat, kannman nicht mehr weg- schauen. Wie beruhigend wird es für die Leute sein zu wissen, dass sie stets vondenpassenden Spezialisten behandelt werden. Das muss das Ziel sein. MitMeikeHemschemeier sprach Ina Sperl „Die Krankenhausstruktur passt nicht mehr zum Stand der Medizin.“ Das Erste MO / 15. Juli / 20:15 – 21:00 Im Anschluss zum Thema: »hartaberfair« »Die Story im Ersten« Was Deutschland bewegt: Krankenhäuser schließen – Leben retten?

RkJQdWJsaXNoZXIy NTQ3NzI=