WDRprint Juli/August 2019

66 NEUL ICH IN ... Illustration: von Zubinski Während einer Konferenz, zu der Che- miegigant Ernest SolvaydieNobelpreis- Elite ins Brüsseler Hotel Metropole lud. Unter ihnen Bohr, Madame Curie, Planck und eben Einstein. Abends kam die Königin ins Hotel, wo noch heute dasGruppenbildhängt.Rund500Briefe haben sich Albert und Elisabeth geschrieben. Seine Zeilen liegen im belgischen Königspalast von Laeken. Kurz nach der Machtergreifung der Nazis organisiert die bel- gische Königin für den jüdischen Pazifisten ein Versteck in De Haan – die Villa Savoyarde direkt hinter denDünen. Später verhilft sie ihmzur Ausreise in die USA. ImSeptember 1933 verlässt Albert Einstein für immer Europa. Die Königin sieht er nie wieder. 1939fordertderNobelpreisträgerAmerikasPräsidentenRoosevelt auf, die Atombombe zu bauen. Durch seinen Briefwechsel mit Elisa- bethist erdarüber informiert, dassdieBelgier ihreKongo-Uranvorräte ausAngst vorHitlersAfrika-FeldzugnachNewYorkverschiffen. 1942 schließt Belgien mit den USA einen Vertrag über die Lieferung von 1200TonnenUranerz–demRohmaterialfür die Atombombe vonHiroshima. Der Abwurf der Hiroshima-Bombe traumatisiert Albert und Elisabeth für den Rest ihres Lebens. Er wäre lieber Schuster geworden, bekennt er in einem seiner letzten Briefe an die Königin. Mit über 80 Jahren bekniet ElisabethBreschnewinMoskauundMao in Peking, niemals Atomwaffen einzusetzen. „RoteKönigin“ heißt sie deshalb inBelgien. Albert Einstein und Elisabeth von Belgien – eine Beziehung, die in Brüssel begann. Die die Welt verändert hat. Und die mich nicht loslässt. Ralph Sina, seit 2014 Leiter des ARD-Hörfunkstudios in Brüssel, ist ein erfahre- ner Korrespondent. Zuvor berichtete der WDR- Journalist aus Washington und Nairobi. Neulich sitzt er neben mir auf der Bank. Im Park von De Haan. Albert guckt Richtung Nordsee- Küste. Mit seinem typischen leicht verschmitzten Gesichtsausdruck. Albert Einstein als Skulptur auf der Parkbank. Einsteins Geschichte in und mit Belgien verfolgt mich seit meiner Ankunft in Brüssel. Im Hotel Metropole entdeckte ich ein Gruppenfoto mit Albert E. neben der Rezeption. Angeblich hängt es dort seit über 100 Jahren. Und wenn ich aus demEuropa- viertel an die Küste fahre, wartet Albert schon statuarisch auf der Parkbank von De Haan. Belgiens Kolonialtyrann Leopold II. hat den Ort architektonisch geplant, aber geprägt wird er von Albert E.: Es gibt geradezu eine Inflation an Einstein-Skulpturen und -Büsten. Am allgegenwärtigsten ist der überragende Physiker in den De Haan-Erzählungen von Brigitte Baeten. Ihren Eltern gehörte einmal das erste Haus am Platz: Dort nahmEinstein nachmittags gerne seinen Kaffee. SeineMarotten kennt Baeten aus den Erzählungen ihrer Eltern. Der Nobelpreis- träger trug selbst im Hochsommer dicke schwarze Schuhe, aber niemals Socken. Was sein klobiges Schuhwerk noch monströser wirken ließ und die Kinder von De Haan belustigte. Große Aufregung herrschte imSommer 1933, als sich die bel- gische Königin auffallend häufig nach De Haan chauffieren ließ, ummit Einstein amMeer zu lustwandeln. Gemeinsamstapfte das ungleiche Paar von De Haan aus in Richtung Ostende: Elisabeth von Belgien, Patenkind der österreichischen Kaiserin Elisabeth, und der sockenlose Relativitätstheoretiker. 1933. In unmittelbarer Nachbarschaft zu Nazi-Deutschland. DasPrivate ist immer auchpolitisch–bei diesemPaar ist eskeine Phrase. Erst nach und nach entdeckte ich die politische Langzeitwir- kung dieser Belgien-Connection zwischen dem Physiker-Genie und derbelgischenMonarchin.EineGeschichte,die1911inBrüsselbegann. Foto: WDR/Sachs DE HAAN VON RAL PH S I NA

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