WDRprint Sept./Okt. 2019

70 NEUL ICH IN ... Illustration: von Zubinski Ihr Äußeres erinnert eher an einen Ohrwurm als an eine Heuschrecke. Ihre glasigenVorderflügel reiben sie aneinander und erzeugen somit das typische Urlaubsgeräusch. „Ich muss sie nicht sehen, mir reicht der Gesang“, sagt Harald, der Hobbyfotograf aus Augsburg. Aus seinerHeimat kennt er dasGeräusch schon längst.Mittlerweile lebenWeinhähnchen sogar in den Niederlanden. Ich genieße die akustischen Begegnungen vor der Industrie- kulisse meiner Heimatstadt und komme trotzdem ins Grübeln. Es hat einen Grund, warum das Weinhähnchen immer weiter nach Norden zieht. Es ist der Klimawandel. Ich werde versuchen, das Tier vor die Kamera zu bekommen. Leicht wird es nicht werden, weil sich das Weinhähnchen bei einer Annäherung sehr seltsam verhält. Oftmals verstummt es dann nicht, sondern es variiert die Lautstärke.DadurchsinddieHeuschrecken außerordentlich schwierig zu orten. Laut Experten haben die beiden heißenSommer 2018und2019dieBestände der Weinhähnchen noch weiter ansteigen lassen.KollegenundFreunde, denenichvon meinenRecherchenerzählthabe, berichten, dass die Tieremittlerweile sogar in Vorgär- ten und Parks erscheinen. So oder so, span- nend ist dasThema auf jedenFall. Undnach den Dreharbeiten werde ich mich an den Rhein setzen, den Drüü-Drüü-Rufen lau- schen, ans Mittelmeer, an Flamingos und an Urlaub denken. Aber leider auch an den Klimawandel. Kai Toss ist Autor im WDR-Studio Duisburg. Der Journalist und gebürtige Duisburger hat sich unter anderem spezialisiert auf alles, was so kreucht und fleucht amNiederrhein. Neulichhabe ichdasGeräusch zum ersten Mal in diesem Sommer gehört. Es klingt nach Urlaub am Mittelmeer. Dabei höre ich es vor dem Gaskraftwerk von Thyssen- Krupp, direkt amRheininDuisburg- Laar. Drüüü-Drüüü –macht es. Soungefähr zumindest. Sobald es im Hochsommer dunkel wird, erfüllt der Gesang der Weinhähnchen den lauen Abendhimmel. Die Rede ist von einer Heuschreckenart, die es bis vor einigen Jahren nicht bei uns gab. ZumerstenMal habe ich das Geräusch gehört, als ich imAlter von 17 Jahren mit meinem Schulfreund mit dem Fahrrad bis ans Mittelmeer gefahren bin. Damals habe ich den Weinhähnchen- Gesang mit Flamingos verknüpft, die in der Abendsonne zu ihren Schlafplätzen in der Camargue fliegen. Im Hintergrund rauschten die Mittelmeer-Wellen. Mittlerweile ist das Geräusch in Duisburg angekommen, mitten imRuhrpott. AmFußedesThyssen-Gaskraftwerks liegt derRuhrorterYacht- hafen, auf dessenGelände sich einStellplatz fürWohnmobile befin- det.Mehr Ruhrpott-Romantik geht nicht. ImRückendas Brummen des Kraftwerks und rund um den Platz der Gesang der Weinhähn- chen. Mitten in einer kleinen Tanne, direkt neben der Zufahrt zum Campingplatz, singen die Insekten besonders laut. Harald aus Augsburg ist mit seinem Wohnmobil nach Duis- burg gekommen, um als Tourist die Industriekulisse der Stadt zu fotografieren. Gegen 22.00 Uhr bemerkt er den Schein meiner Taschenlampe, kommt aus seinemWohnmobil undmacht sichmit mir auf die Suche nachdemlauten Insekt. Vergebens.Wir hörendie Weinhähnchen, aber wir sehen sie nicht. Es sind bis zu 14Millimeter großeWesen –wie aus einer ande- ren Welt. Die Tiere sind blass ockerfarben bis strohgelb gefärbt. Foto: Kai Toss DUISBURG VON KA I TOS S

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