WDRprint Nov./Dez. 2019

66 NEUL ICH IN ... Illustration: von Zubinski Food,dritterGangnocheinPint.Wer im Pub ein Pils oder Kölsch (beides gibt es tatsächlich in ausgewählten Lokalen) bestellt, macht sich gleich der kontinentalen Zuwanderung verdächtig. Deshalb bin ich, weil ich gern britisch unter Briten leben will, inzwischen auf das klassische Ale eingeschwenkt, ein Gerstenbier mit – bestenfalls – rauchigem Geschmack. Das Pub-Food (zweiter Gang) auf der Pub-Food-Menü- karte bietet alles auf, was derGast zumSattwerdenbraucht: Es reicht vomAngus-SteakausdemschottischenHochlandbis zumPie, einem Blätterteig-Töpfchenmit Fleisch- oderGemüsefüllung. DerKlassiker aber ist und bleibt: Fish and Chips. Samstagmittag, das Lunchtime- Match der Premier League im Pub, Fish and Chips mit Erbsen und einem Ale – ich glaube, das könnte sogar ein Exportschlager nach Deutschland für die Post-Brexit-Ära werden. Einen schönen Rein- fall verspricht übrigens im Zweifelsfall Mac and Cheese. Wer hier – sowie ich jedenfalls beimerstenMal – einenHamburger mit Käse erwartet, derhofft beimHalveHahnauchauf einBrathähnchen.Mac and Cheese sind: mit Käsesoße überbackene Maccaroni. Wer es etwas rustikaler mag, der muss nach Schottland fahren. In Edinburgh saß ich vor einiger Zeit bei einer Veranstaltung der Universitäten Schottlands am Tisch der Gastgeber, und natürlich benehme ich mich so, wie ich es daheim im Ruhrgebiet gelernt habe: gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Auf den Tisch kamHaggis. Kennen Sie Haggis? Schafsinnereien, gewürzt und geröstet. Schmeckt wirklich gut, man darf halt nur nicht dran denken, was das ist. Und es kommt immerhin ohne Marmite aus. Thomas Spickhofen (Jhg. 1964) stammt aus Herne. Zurzeit arbeitet der WDR-Radiojourna- list als Korrespondent im ARD-Studio London. Unsere gemeinsame Zukunft war schon mit dem ersten Gramm auf der Zungenspitze wieder been- det. Himmel oder Hölle. Ekel oder Freude. Hate it or love it. Ich liebe es nicht.Marmite, der urbritischeBrot- aufstrich mit Geschmacksrichtung Senf bis Maggi, ist die größte Zumutung der britischen Küche. Aber eigentlich ist das der falsche Einstieg. Er hat damit zu tun, dass mich neulich in London wieder einmal Freunde besuchten, die sich kaum vorstellen konnten, dass man sich auf der Insel auch menschenwürdig ernährenkann. ZumBritishBreakfast gab es, nur als Kostprobe, auch Marmite, und damit wurde die Freundschaft einerhartenBelastungsprobeausgesetzt. Siehat dieProbebestanden, aber ichhabemir vorgenommen, endlicheinmal die britischeKüche mit ihrer ganzen geschmacklichen Spannbreite von Roastbeef mit Yorkshire-Pudding bis hin zumAfternoonTea gegen ihren schlech- ten Ruf zu verteidigen. Warum sie überhaupt so einen schlechten Ruf hat, ist mir sowieso ein Rätsel, wo doch halb Deutschland auf die Rezepte von Jamie Oliver schwört. Spötter behaupten ja, die beste britische Küche finde sich in London, weil sie da nämlich gar nicht britisch, sondern vor allem international ist. So viel zumindest stimmt: japanisch und vietna- mesisch, italienisch und argentinisch, Streetfood und McDonalds, selbst ein wöchentlicher Markt mit vegetarischen Speisen – alles da imUmkreis von nur 500Metern rund um das ARD-Studio. Wer 600 Meter in Kauf nimmt, findet sogar deutsche Bratwurst und „Sauerkraut-Pot“: bei Herman Ze German. Aber dieser kulinarische Rundumschlag unterschlägt ein biss- chen, dass die britische Volksküche ja gar nicht in Restaurants vor sichhin brutzelt, sondern viel mehr dort, wo dasHerz der britischen Seele pocht: indenPubs. Die britischenPubs haben ihr eigenesDrei- Gänge-Menü, unddas lautet: ersterGang einPint, zweiterGangPub- Foto: Tagesschau L O N D O N VON THOMAS SP ICKHOF EN

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