WDRprint März/April 2020

33 Fernsehen Strahlende Fassade, brutale Rituale hin- ter denKulissen: DieDokuserie „Colonia Dignidad – aus dem Innern einer deut- schenSekte“ rekonstruiert anhand lange versteckter Bild- undTondokumente das Leben in der isolierten Gemeinschaft und lässt Zeitzeugen erzählen. Der selbst ernannte Prediger Paul Schäfer schart im Nachkriegsdeutschland Anhängerumsich–Menschenauf der Suche nach Frieden, Hoffnung, Wohltätigkeit. In Heide bei Siegburg gründet er ein Jugend- heim, bereits hier kommt es zu sexuellen Übergriffen Schäfers. 1961 siedelt die Sekte nach Chile über und errichtet fernab der Zivilisation die Colonia Dignidad (Kolonie der Würde), ein deutsches Musterdorf mit Werkstätten, Landwirtschaft, Viehzucht und einem Krankenhaus. 300 Deutsche verschreiben sich im vermeintlichen Para- dies demDienst anGott und denArmen. In Wirklichkeit prägen Ausbeutung, Gewalt und Missbrauch ihren Alltag. Pakt mit dem Diktator Schäfer etabliert ein Systemder Unter- drückung. Er trennt Männer und Frauen, Kinder von ihren Eltern, vergewaltigt mas- senhaft Jungen. In den 1970-er Jahren pak- tiert Schäfer mit demDiktator Pinochet. Er versorgt das Terrorregime mit Waffen und lässt in einemgeheimen Folterkeller Oppo- sitionelle quälen und ermorden. Erst Ende der 90-er Jahre wird Schäfer angezeigt. Er flieht nach Argentinien, wo er 2005 ver- haftet wird. Nach monatelangen Recherchen und Gesprächen, so die Autorin und Regisseu- rin Annette Baumeister, sei ihr und Co- Autor Wilfried Huismann klar geworden, „wie schwierig in vielen Fällen die Eintei- lung in Täter und Opfer ist“. Deutlich wird dies an der Geschichte Günter Schaffriks, der 2013 zu elf Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil er Schäfer chilenische Jungen zugeführt hatte. Schaffrik war mit zwei Jahren in die Kolonie gekommen – Folter und sexuelle Ausbeutung waren für ihn Normalität. „Wir wurden alle wie Roboter gehalten“, sagt er heute. „Wir haben mit Siedlern, Geheim- dienst- und Justizmitarbeitern, Gefolterten, Geflohenen und Angehörigen der in der Kolonie Verschwundenen gesprochen, teil- weise gingen die Interviews über mehrere Tage“, erklärt der Produzent Gunnar Dedio (LOOKSfilm). Darüber hinaus restau- rierte, digitalisierte und wertete das Team 400 Stunden Film, 100 Stunden Ton- aufnahmen sowie 9000 Fotos aus. „Der Materialberg war über Jahre unterirdisch versteckt worden und daher in einem erbärmlichen Zustand“, so Dedio. Der Leiter des Filmdepartments der Kolonie, Wolfgang Müller, habe dieses „Archiv der Hölle“ 2016 an den chilenischen Regis- Das Archiv der Hölle seur Christián Leighton übergeben mit den Worten: „Die Geschichte der Colonia Dignidadmuss aufgearbeitet werden. Hier ist das Material.“ Christine Schilha Colonia Dignidad – aus dem Innern einer deutschen Sekte ARTE vier aufeinanderfolgende Teile 10. März / 20:15 – 23:50 Das Erste zwei Folgen 16. und 23. März / 22:45 – 0:15 Colonia Dignidad in Chile: Mitten in der Idylle installierte Paul Schäfer ein höllisches System. Fotos: WDR/LOOKSfilm

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