WDRprint März/April 2020

58 Neulich in ... Neulich auf der Fahrt insWDR-Stu- dio Bonn war er wieder da: mein Blick voller Mitleid von der Brücke herab auf die Sieg. Schaffen sie es in diesemWin- ter, mal trocken zu bleiben? Oder steht die kleine Gaststätte direkt amUfer bald wieder unter Wasser? Ich verfolge diesen Kampf gegen die Natur schon seit vielen Jahren und bin dabei immer wieder fasziniert, wie viel Geduld Menschen haben können. Von hier sind es nur noch zweieinhalb Kilometer, bis die Sieg in den Rhein mündet. Im Sommer planschen Kinder im seichten Wasser, Eltern trinken in der Gaststätte ihr Kölsch. Rundherum ist alles grün. Zur Idylle gehört auch Deutschlands einzige „Ein- Mann-Gierfähre“. Die grüne St. Adelheid wird von einem Seil gehalten, das sich quer über den Fluss spannt. Ganz ohne Motor- kraft lässt sie der Fährmann daran geschickt durch den Stromhin und her treiben und bringt Fußgänger und Radfahrer für 50 Cent ans andere Ufer. Entschleunigung für die Fährgäste, während die Autos über die nahe gelegene Brücke brausen. Aber wenn nach viel Regen derWasserpegel amRhein immer höher steigt, ist es auch an der Sieg schnell vorbei mit der Idylle. Hochwasser! Wenn die Betreiber nicht vorausschauend in jedem Herbst alles immer komplett herausschaffenwürden, hätten erst im März 2019TischeundStühle inderGaststättewieder komplett unter Wasser gestanden. Ein Jahr zuvor waren tagelang sogar die Fenster wegen des Hochwassers kaum noch zu sehen. Wo sich sonst Touristenmit ihrenFahrrädern tummeln, zogen nurnocheinpaarEntenundKanufahrer ihreKreiseumdieGebäude. Und die eine oder andere Kamera-Drohne, denn so ein Haus unter Wasser ist für manchen Hobbyfilmer ein faszinierender Anblick. B O N N Aber als zugezogener Wahl-Rhein- länder habe ich schnell verstanden, was Artikel 1 desRheinischenGrundgesetzes bedeutet. „Et es wie et es.“ („Es ist, wie es ist“) Sobald der Wasserpegel sinkt, wer- den Wasser und Schlamm aus der Gast- stätte vertrieben, es lässt sich ja nicht ändern. Auch nicht, wenn es der Regen besonders gut meint und ein paar Wochen später ein zweitesHochwasser indieRäumeeinzieht.Artikel 2desRheinischen Grundgesetzes: „Et kütt wie et kütt.“ („Es kommt, wie es kommt.“) Vor vielen Jahren hatte ich nach einemUnwetter einmalWas- ser imKeller. Kleidung, Fotos,Möbel – alles durchnässt und kaputt. Das hat mir fürs Leben gereicht. Ich könnte also gut verstehen, wenn jemand nach immer neuenHochwas- sern sagenwürde: „Ichhab‘ dieNase voll und mach‘ den Laden zu.“ Nicht aber hier an der Sieg. Egal, wie hoch das Wasser steht. Im Frühjahr wird wieder geöffnet. Artikel3desRheinischenGrundgesetzes versprichtHoffnung:„Ethättnochemmerjoot jejange.“ („Es ist immer noch gut gegangen.“) Diesmal allerdings nicht: AnfangFebruar hat sich das Hochwasser schon ein erstes Mal den Weg über die Wiesen bis in die Gast- stätte gebahnt. Wieder einmal galt Artikel 1: „Et es wie et es.“ Und wieder einmal wurden mit fleißigen Händen Schlamm und Wasser ausgekehrt. So fahre ich dieser Tage über die Brücke, beobachte den Wasserpegel der Sieg mit bangemBlick und drücke die Daumen. VON JÖRG SAUERWEIN Illustration: von Zubinski Foto: privat Jörg Sauerwein arbeitet seit mehr als zehn Jahren als freier Mitarbeiter im WDR-Studio Bonn. Der Hörfunkreporter berichtet über Ereignisse aus der Ex-Hauptstadt und der Re- gion mit lokalem bis bundes- weitem Bezug: ob Hochwas- ser am Rhein, Bundeskartell­ amtsverfahren, G20-Treffen oder UN-Klimagipfel.

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