WDRprint März 2018

23 22 Medien Medien Glenn Thrush von der New York Times. Thrush will Statistiken, Zahlen, Beweise dafür, dass illegale Einwanderer Amerikanern die Jobswegnehmen, wieTrumpbehauptet.Miller antwortet, dassman dazu keine Zahlenbenötige, das sage einemdochder gesundeMen- schenverstand. Der Disput wird schärfer, gipfelt darin, dass Miller vorschlägt, dass doch bitte die New York Times all diese unausge- bildeten und schlecht bezahlten Arbeiter aus anderen Ländern anstellen solle. Verlierer: Die Public Radio Stations Trump betont, er sei gar nicht gegen die korrupte Hillary angetreten, sondern gegen die korrupten Medien. Er sagt, seine Regie- rung befände sich imKrieg mit denMedien, bezeichnet Journalisten als Abschaum. Er twittert, dass es abstoßend sei, dass die Presse schreiben dürfe, was immer sie wolle. Er überlege, Sendern die Lizenz wegnehmen zu lassen. Den Public Radio Stations will er die wenigen staatlichen Zuschüsse ersatzlos streichen. Der Chefredakteur der New York Times, Dean Baquet, kaut nervös auf einem Bonbon. Er habe noch nie einen Politiker kennengelernt, der die Presse liebe. Aber nie- mals habe es einen Präsidenten gegeben, der das Recht der Presse, über ihn zu berichten, so in Frage stelle, so wie Trump das tue. Interessiert denn eineWahrheitsfindung, die allein auf Fak- ten beruht, überhaupt noch? Ist sie gesellschaftlich – jenseits der intellektuellen Eliten – überhaupt noch erwünscht? Welche Bedeutung hat die Pressefreiheit, wenn es doch vorrangig umMei- »dok 5 – Das Feature« Wahrheitssuche in Zeiten „alternativer Fakten“ Die New York Times versus Donald Trump WDR 5 SO / 1. April / 11:05 MO / 2. April / 00:05 3000 Beschäftigte arbeiten in den Großraumbüros des New York Times-Towers, darunter 1350 Redakteure, Reporter und Videojournalisten. Allein im Newsroom sitzen Hunderte von Redakteuren vor ihren Computern. Die Mitarbeiter sind nicht nur stolz darauf, in der Berichter- stattung schnell zu sein, sondern vor allem auf ihre Recherchen, ihre hintergründige Aufklärung, ihre exakte Trennung von Meinung und Berichterstat- tung. Gerade diese Akribie ist es, die dieNew YorkTimes – oft als graue Tante belächelt – so groß gemacht hat. Und sie will weitermachen. Die New YorkTimeswill indiesemJahr fünfMillionen Dollar für Trump-Recherchen inWashington ausgeben. In Washington spazieren Touristen vor dem Weißen Haus, machen Selfies, essen Hot Dogs. Religiöse Eiferer dozieren, Straßenmusikanten spielen zum Tanz auf. Polizisten beobachten alles ganz genau. Alle ausländischen Journalisten, die an einer Pressekonferenz im Weißen Haus teilneh- men wollen, müssen sich an einem Seiten- eingang anmeldenund zwei Stundenwarten. Der Presseraum des Weißen Hauses hat nur wenige Plätze. Die meisten Journalisten und natürlich auch die Gäste müssen stehen. Mit Hilfe einer russischen Kollegin habe ich immerhin einen Stehplatz in der ersten Reihe ergattert. Heute beantwortet Trumps Berater Stephen Miller die Fragen der Journalisten zumThema illegale Einwanderer. Er gilt als strammer Rechtsaußen, der letzteVerbliebene, nachdemSteve Bannon seinen Hut nehmen musste. Sehr bald liefert er sich ein Wortgefecht mit Simone Hamm , geboren in Bonn, stu- dierte Literaturwissenschaften, Philosophie und Chinesisch in Bonn und Peking, arbei- tete als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Philosophischen Fakultät der Universität Bayreuth. Später volontierte sie bei der DeutschenWelle. Hammarbeitet als Feature- Autorin für die ARD. Nach Stationen in Köln und Brüssel lebt sie seit 2013 in New York. nungen und Gefühle geht?Wenn ein hochemotionaler Präsident glaubt, die Welt in 280 Zeichen erklären zu können? Die Wahrheitsfindung im Zeitalter des Postfaktischen Ich will es genauer wissen und gehe zur renommierten Columbia School of Journalism. Auch der Fakultätsvorsitzende Stephen Call findet Trumps Aussagen verstörend. Zwar könne Trump den ersten Zusatz der Verfassung, der eine freie Presse garantiere, nicht so einfach außer Kraft setzen, aber er versuche auf andere Art, die Pressefreiheit einzuschränken: So habe das Justizministerium ein Statement herausgegeben, das besage, dass man einen Journalisten verfolgen könne, wenn er etwas geschrie- ben hat, das die nationale Sicherheit gefährde. Auch Michael Shear vom Washingtoner Büro der Times wird ernst. Fast schaut er durch mich hindurch. Er habe heftige Auseinandersetzungen mit der Obama-Administration gehabt, aber es sei immer eine Auseinandersetzung gewesen, die auf Fakten beruht habe. Niemals habe Obama die Idee einer freien Presse als solche angegriffen, nie die Medien dämonisiert. Die Wahrheitsfindung imZeitalter des Postfaktischenwirdnicht leich- ter werden unter der Präsidentschaft von Donald Trump. Demonstration im New Yorker Bryant Park im März vergangenen Jahres, nachdem Trump den Medien den Kampf angesagt hatte. Foto: picture alliance 3000 Beschäftigte arbeiten in den Großraumbüros des New York Times-Towers, den Renzo Piano erbaute. Foto: Imago Foto: Privat

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