WDRprint März 2018

Foto: rbb/Nareyek 35 34 Medienmenschen Medienmenschen Fritz Pleitgen zum 80. Stationen eines Rastlosen Fritz-Pleitgen-Nacht Mit sechs seiner Features und Reportagen aus Russland, den USA und Ostdeutschland FR / 16. März / ab 23:30 Fritz Pleitgen zu Gast im »Kölner Treff« FR / 7. April / 22:00 WDR FERNSEHEN FR / 16. März / 20:15 »Neugier genügt« Eine Redezeit mit Fritz Pleitgen WDR 5 MI / 21. März / 11:05 Von Thomas Roth Es ist einer dieser grauen Berliner Wintertage. Leichter Nieselregen treibt durchdie seit derWiedervereinigungnachOstenverschobeneMitte von Berlin. Dort schlug, wenn nicht stillgestellt wie in denMauerjahren, immer ihr großstädtischesHerz. Ingutenwie inschlechtenZeiten. Anden Scheiben des gut gefüllten ehrwürdigen „Deutschen Theaters“ nicht weit vom S-Bahnhof Friedrichstraße, läuft das Wasser in dünnen Rinnsalen herunter. Drinnen ist Erzählzeit. Von einer Kindheit ist unter anderemdie Rede. Aber nicht von einer in Berlin, sondern von einer tief im Westen. Von einer im Ruhrgebiet. Keiner einfachen, das ist wahr. Aber wenn Fritz Pleitgen davon erzählt, auch auf einer so berühmten Bühne wie der des „Deutschen Theaters“, eingeladen zurMatinee vonGregor Gysi, dann klingt das ebenso unauf- wendigwie selbstverständlich, ja beinahe lakonisch. Nurmanchmal hört man, wenn Pleitgen von dieser Zeit spricht, an der dann etwas brüchi- gen Stimme, dass ihn das immer noch bewegt: geboren im März 1938 als fünftes Kind. Der Vater war lange arbeitslos, bis er schließlich bei Thyssen-Krupp einen Job fand. Erst da gab’s etwasmehr zumSattwerden damals in Essen. Und dann begann schon der Krieg. Wer FritzPleitgen länger kennt,weiß, dassnebenderVersöhnungmit Russland die Erfahrung vonKrieg eines seiner prägenden Lebensthemen ist: „Der Krieg begann inEssen sehr früh, weil Essen alsWaffenschmiede Ziel von Bombenangriffen der alliierten Streitkräfte war. Und ich kann mich daran erinnern, dass meine erstenWahrnehmungen als Kleinkind in diesem Leben Sirenengeheul waren und Flammen.“ Humanistisches Menschenbild DasHaus seiner frühenKindheitflogspäter, voneinerMinegetroffen, indieLuft. Evakuierung indenKriegswirrennachSchlesien, dannwieder Flucht vor der herannahenden Front zurückweit in denWesten bis nach Ostwestfalen, wo sich die zeitweilig getrennte Familie wieder zusam- menfand. Als bitterarme Flüchtlinge. Nicht allzu viele kennen diesen Teil seiner Lebensgeschichte. Auch die der harten Hungerwinter in der Kindheit derNachkriegsjahre. Demhoch aufgeschossenen Jungen, „dem Langen aus dem Ruhrgebiet“, wie er von ihm Zugeneigten gelegentlich genannt wird, war nichts von dem in die Wiege gelegt, was er später so alles wurde – vomweitgereisten Korrespondenten bis hin zumChef des größten Senders in Europa, des Westdeutschen Rundfunks, und zum Präsidenten der Europäischen Rundfunkunion, der EBU. Ich habe mich immer wieder gefragt, wo all diese Erfahrungen auch aus seinen frühen Jahren bei ihmeigentlich geblieben sind. Undwas ermit ihnengemacht hat. Oder siemit ihm. DieAntwort, die ichdarauf gefunden habe, klingt paradox: Er hat diese Erfahrungen umgeformt in ein zutiefst humanistischesMenschenbild, an demer sich bis heute orientiert. Gerade imWissen umdie stets in der Nähe liegenden Abgründe. Das erklärt auch seine tiefe, aber anKontroversendurchausnicht armeFreundschaft zudem großenrussischenHumanisten,SchriftstellerundDissidentenLewKopelew, dessen Vermächtnis er nach Kopelews Tod 19 Jahre lang als Gründer und Vorsitzender des „LewKopelewForums“ gepflegt hat. Oder seine Achtung und den grossen Respekt vor Heinrich Böll. Oder vor dem „Exilanten“ und späteren KanzlerWilly Brandt, der ihn politisch geprägt hat. All das treibt ihn „rastlos gelassen“ bis heute durch zahlreiche Ehren- ämter, bei denen man ihn nach wie vor quer durch die Republik antreffen kann.PräsidentderDeutschenKrebshilfeisteinesvonvielen.Aberauchweit weg am russischen Ural gibt es ein mit seiner Hilfe neu aufgebautes Kin- derkrankenhausmit einer onkologischenAbteilung, das vieleKinderleben gerettet hat. Es war und ist ihm also bis heute nicht egal, was „da draußen“ passiert.EmpathieundLeidenschaftsinddieStichwortedazu.Sovielauchzu derneuerdings soviel diskutierten„Haltung“ von Journalisten, diemanche gernealseineArtneutraleGleichgültigkeitverstehen.Bloßnicht„kenntlich“ werden. Fritz Pleitgenwar und ist kenntlich. Fernsehmann wird Hörfunkdirektor Muss ich sagen, wie sehr er den WDR geprägt hat? Etwa neben vielem anderen auch mit dem nach wie vor in Europa erfolgreichsten Radioprogramm für junge Leute, 1LIVE, ausgerechnet gegründet vom kurzfristig zum Hörfunkdirektor mutierten Fernsehmann Pleitgen. Oder mit demWDR 5-Radio nach dem britischen Vorbild „radio four“ der BBC. Dasmussman ineinernicht geradeunterkomplexenöffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalterstmalhinbekommen–vorausgesetztmanhatüberhaupt die Idee dazu. So hat er den WDR auch zwölf Jahre als Intendant geführt. Bange war ihmnie. Wer dabei war, weiß das. Von seinen journalistischen „Scoops“während seiner Zeit alsKorre- spondent inMoskau, Ostberlin, Washington und New York gäbe es viel zu erzählen. Der legendärste – mitten imKalten Krieg – ist wohl immer nochdas allererste Intervieweines deutschen Journalistenmit demdama- ligen Sowjetführer Breschnew hinter dem „Eisernen Vorhang“, zu dem unwissentlich sogar der französische Präsident Pompidou beigetragen hat. Aber das ist eine andere Geschichte. Alles in allem: 80 Jahre Leben. Und manchmal vermittelt es selbst jenen, die ihn besser kennen, das Gefühl, als wäre das erst der Anfang. Ich selbst habe bei Begegnungen mit ihm das sichere Gefühl: Es ist tat- sächlich so. Es steht immer noch alles auf Anfang! Auch deshalb – Glück auf, Fritz Pleitgen. Thomas Roth (66) beendete seine ARD-Karriere als Anchorman der »Tagesthemen«, nachdem er fünf Jahre lang das ARD-Studio in New York geleitet hatte. Unter Fritz Pleitgen war er Chef des ARD-Studios in Moskau und WDR-Hörfunkdirektor. Von 2002 bis 2007 arbeitete Roth in Berlin als Chefredakteur des ARD- Hauptstadtstudios. Seine journalistische Laufbahn hatte der gebürtige Heilbronner Anfang der 80er beim SDR begonnen, der ihm bereits 1988 die Studioleitung in Johannesburg anvertraute. Zu Zeiten des Kalten Krieges eine Sensation: Korrespondent Fritz Pleitgen, damals Leiter des ARD-Studios Moskau, führt 1976 als erster westlicher Staatsbesuch, Los Angeles, 1973: Fritz Pleitgen (l.) mit Leonid Breschnew und dem US-Präsidenten Richard Nixon (r.), den beiden wichtigsten Staatsmännern der Welt. Foto: WDR Journalist ein Interview mit dem Leader jenseits des Eisernen Vorhangs, mit dem sowjetischen Generalsekretär der KPDSU, Leonid Breschnew. Foto: WDR Von 1977 bis 1982 arbeitete Fritz Pleitgen als Korrespon- dent in Ostberlin, nachdem Vorgänger Lothar Loewe des Landes verwiesen worden war. Foto: WDR/Aug US-Präsident Ronald Reagan empfängt Fritz Pleitgen, damals Studioleiter in Washington, 1985 im Weißen Haus. Foto: WDR/The White House Washington WDR 2 MI / 7. März / 19:00 »WDR 2 Jörg Thadeusz« Zu Gast: Fritz Pleitgen

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