WDRprint Oktober 2018

13 12 Medien Medien Mehr Diff erenzierung, mehr Grautöne Journalistinnenund Journalistenmit Schutz­ helmen und Bodyguards – und das nicht in irgendeinem Kriegsgebiet im Nahen Osten, sondern in Chemnitz, Deutschland. Diese Bilder waren beispielsweise bei »ZAPP« zu sehen. Was sagt das über die Pressfreih eit in diesem Land? Dass Journalisten, wie das in Chem- nitz geschehen ist, angegriffen werden, wenn sie ihre Arbeit machen, ist abso- lut inakzeptabel. Das verurteile ich aufs Schärfste, und da gibt es nichts zu beschö- nigen. Ich sehe deswegen aber nicht unsere Pressefreiheit inGefahr. Vielmehr sehe ich eine Gefahr in dem, was gefolgt ist. Wenn der Präsident des Verfassungssch utzes ohne Belege Zweifel sät, – unter and erem hat er ja die Echtheit eines Videos be zwei- felt –, dann rüttelt das an den Grundfeste n unserer Demokratie. Denn einer der Pfe i- ler unseres demokratischenMiteinanders ist es, dass wir auf Grundlage von Fakten operieren und nicht auf Grundlage von Meinungen oder Behauptungen. Mitt en aus dem Staatsapparat heraus aber so zu agieren, schürt Misstrauen gegenüber der Politik und letztendlich auch gegenüber den Medien. Generell wünsche ich mir, dass w ir in einer überhitzten Gesellschaft mehr sachliche Debatten führen, Meinungen und Sichtweisen austauschen - mit klaren Spielregeln. An diese Spielregeln müssen wir mit aller Deutlichkeit erinnern. Ich möchte aber auch sagen, dass der Großteil derMenschen sich an diese Spielregeln hält und sie achtet. Ist Chemnitz für Sie eine Zäsur, was die Gewalt gegen Journalisten angeht? Aus unseremProgrammbereichwaren mehrere Teams vor Ort, die an unterschied- lichen Tagen gedreht haben. Aus deren Sicht war es eine Zäsur wegen der Masse an Gewalt gegen uns Berichterstatter und der Vehemenz, mit der einige ihreMeinung vorgetragen haben – von deren Richtigkeit sie überzeugt sind. Vor allem war da Hass zu spüren, der den Kolleginnen und Kolle- gen entgegengebracht wurde. Das ist sehr schwer auszuhalten. Aber mir ist auch da wichtig zu sagen: Das ist ein Ausschnitt. Diese Menschen, die Gewalt angewendet haben, befinden sich in einer Minderheit. Wo Menschen angegriffen werden, wo Straftaten began- gen werden, muss der Rechtsstaat eingrei- fen. Ambesten sollte der Rechtsstaat natür- lich verhindern, dass so etwas überhaupt passiert. Der Sicherheitsaspekt ist die eine Seite der Medaille. Wie gehen Sie inhaltlich auf dem SendermitGewaltgegenMedienvertreterum? Wir gehen professionell damit um – wie mit jeder anderen Nachrichtenlage auch. Das ist aus meiner Sicht auch der einzige richtige Weg. Medien und Politik, so wird oft gefordert, sollen sichmehr für die Sorgen und Nöte der Bürger inte­ ressieren, die eine ablehnende Haltung gegenüber Flüchtlingen haben. Aber was ist, wenn diese Bürger Seite an Seite mit eindeutig rechts­ extremen Gewalttätern demonstrieren? Es gab in Chemnitz ganz offensicht- lich einen Schulterschluss zwischen AfD und Rechtsextremen. Das hat »Monitor« sehr gut dargestellt. Wir müssen klar benennen, mit wem man sich da gemein- macht, wenn man auf dieser Demo mit- geht. Trotzdem ist die Welt nicht schwarz- weiß. Deswegen der Appell für eine Diffe- renzierung, für mehr Grautöne. Wir dür- fen eine sowieso schon überhitzte Debatte nicht weiter erhitzen, sondern auchwir als Journalistenmüssen über unsere Rolle und Reflexe reflektieren. Dazu kommt: Wenn Menschen in Chemnitz auf die Straße gehen, die Sachen sagen, die wir schwer erträglich finden, die aber auf demBoden der freiheitlich-demo- kratischen Grundordnung stehen, dann können wir erschrecken. Aber wenn wir diese Menschen nicht darstellen, ihnen keine Fragen stellen: Wird es dann besser? Weder Menschen noch deren politische Meinung verschwinden, weil wir sie nicht in unserem Programm sehen. Wie also umgehen mit den „Wutbürgern“? »WDRforyou« hat live aus Chemnitz berichtet, und die Reporterin Isabel Scha- yani hat vielen Bürgern genau die richtigen Fragen gestellt – unter anderem: „Warum stehen Sie bei den Demonstranten auf der rechten Straßenseite?“ Sie hat versucht, deren Motive zu ergründen, und das hat sie sehr couragiert gemacht, weil sie sich auch Sachen anhören musste wie: „Gehen Sie doch zurück in den Islam, da wo Sie hergekommen sind.“ Für die Kollegin war das eine sehr schwierige Situation, der sie sich gestellt hat. Und das sollten wir als Journalisten tun. Mit ehrlichem Interesse. Dazu ist es wichtig, dass wir differenzieren, wir müssen uns in die Lage der Menschen versetzen, die in Chemnitz auf die Straße gehen und keine rechtsradikalen Hetzer sind. Die zählen für mich zur verunsicher- tenMitte, und wir müssen alles dafür tun, sie in der Mitte der Gesellschaft zu halten. Die Beauftragte für Integration und inter­ kulturelle Vielfalt des WDR, Iva Krtalic, lud Anfang September unter dem Eindruck von Chemnitz zu einem Impulsgespräch mit WDR-Mitarbeitern und der SPD-Politikerin Aydan Özoguz ein. Diskutiert wurde auch die Frage, warum das Thema Migration im medialen Diskurs überwiegend negativ besetzt ist. Haben sich die Medien die Posi­ tion, dass Migration die „Mutter aller Prob­ leme“ sei, zu sehr aufdrängen lassen? Das ist mir etwas zu einseitig. Natür- lich reden wir viel über Migration, ein Thema, das uns seit 2015 noch einmal viel intensiver beschäftigt. Und wir behandeln es differenzierter als früher. Es hat viele Fragen gegeben, auch viele Antworten, aber noch nicht für alle Menschen in allen Fragen befriedigende Antworten. Das ist erst einmal eine nüchterne Analyse. Des- halb behandeln wir das Thema und wer- den das auch weiterhin tun – und zwar in allen Facetten, so wie wir es bisher auch getanhaben.Wir verschweigennichts, aber konzentrieren uns auch nicht nur auf die Probleme – so wie wir es aus meiner Sicht bei vielen Angeboten im WDR tun, auch täglich bei »WDRforyou«. Anlässlich der Berichterstattung über ein Netzvideo aus Chemnitz wurde viel dis­ kutiert, ab wann es legitim ist, von einer „Hetzjagd“ zu sprechen. Müssten wir nicht inderselbenWeise auchBegriffewie „Flücht­ lingskrise“ hinterfragen? Der Urheber der Frage, ob es Hetz- jagden gab oder nicht, war der Chefredakteur der Freien Presse in Chemnitz, Torsten Kleditzsch. Mehrere Redak- teure seiner Zeitung waren an dem besagten Sonntag vor Ort. Kleditzsch ging es um Diffe- renzierung, um die Darstel- lung dessen, was am Sonntag passiert war. Er sagte dabei, dass es Angriffe aus der Demonstration gegeben habe, auch Angriffe auf Migranten, Polizisten und Linke. Seine Einschätzung unmittelbar nach dem besagten Sonntag war, dass es vereinzelte Fälle gewesen seien und von einer Hetzjagd im wörtlichen Sinne nicht die Rede sein konnte. Diese differenzierten Aussagen wurden aber von interessierten Gruppen in Schwarz-Weiß-Manier ein- gedampft. Damit war er für die einen der „Verharmloser“ und für die anderen „der Klarsteller, dass alles nicht so schlimm war“. Beides stimmt nicht, undmit solcher Vereinfachung kommen wir nicht weiter. Wir sollten darüber reden, WAS dort pas- siert ist – und uns nicht tagelang damit beschäftigen, wie es zu nennen ist. Unsere Sprache ist extrem wichtig. Wir diskutieren darüber sehr viel in unse- rem Programmbereich. Und ja: In diesem Zusammenhang müssen wir auch sensibel mit dem Begriff „Flüchtlingskrise“ umge- hen. Niemals und nirgends in der Geschichte der BRD wurden Journalisten so massiv angegriffen wie in Chemnitz. Was tun? Christine Schilha sprach mit WDR- Chefredakteurin Ellen Ehni darüber. „Wir als Journalisten dürfen eine sowieso schon überhitzte Debatte nicht weiter erhitzen.“ Foto: WDR/Fußwinkel

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