WDRprint Oktober 2018

43 42 Regional Regional 1968 eröffnet derWDR ein Korrespon- dentenbüro in Siegen: drei kleine Räume, in deneneinehemaligerZeitungsjournalist und eine Sekretärinbeginnen, zusammenRadio zu machen. Die technische Ausstattung beschränkt sich zunächst auf ein Telefon und eine elektrische Schreibmaschine, bald kommt ein Fernschreiber dazu, mit demdie NachrichtentextenachDortmundoderKöln gesendetwerden. Das Speichermedium der Stunde ist der Lochstreifen. 40 Jahre später wird sich Sekretärin Angelika Tiburtius inder internenStudiozeitung erinnern: „Das kleine Korresponden- tenbüro mauserte sich langsam. Eine Bandmaschine zum Schneiden von Beiträgen wurde angeschafft, und ich musste zum Lernen nach Dortmund.“ Senden konnten sie aus Siegen damals nicht: Die Beiträge mussten per Post an die Studios geschickt werden. Aus der Sekre- tärin wird eine Technikerin, die Beiträge schneidet und mischt. Der Zeitungsjour- nalist Frank Schürmann gilt bis zu seiner Pensionierung 1992 als „die Stimme Süd- westfalens“. kommt, testet die Redaktion heute als Pilot- studio das „neueDienstplanmodell“.Was so unspektakulär klingt, ist in der Praxis ein riesiger Schritt, der den in den vergangenen Jahren so häufig bemühten Begriff „Cross- medialität“ auf eine neue Ebene hebt. Das Studioproduziert –wie diemeisten– für vier Ausspielwege: Radio, Fernsehen, wdr.deund Facebook. Hier in Siegen gibt es aber keine nachMedien sortierte Redaktion mehr. Im „Planungs- und Sendebüro Hör- funk / Fernsehen / Internet“ sitzen ein Story- und ein News-Planer. Ein News- room im besten Sinne also, die zum Understatement neigenden Westfalen sagen lieber „Großraumbüro“. Zwei Minuten regionale Radio- Nachrichtenstündlich, vonmorgens 6.30bis abends 17.30Uhr, liefert das Studio jedenTag. Und natürlich diverse Radiobeiträge für alle Wellen. Von6.00 bis 21.00UhrwerdenFace- bookundwdr.de gefüttert. DiePlaner recher- chieren Themen und geben Beiträge bei freienMitarbeitern inAuftrag. Dazukommt ein Co-Planer für die Langzeitplanung, der sich um die nächste Woche kümmert. Eine wichtige Funktion, weil in einer „nachrich- tenarmen Region“, so Schmies, die Journa- listen gefragt sind, „Themen zu setzen“. Alle Regionalstudios habendabei denEhrgeiz, in ihrerRegioninteressanteGeschichtenzufin- den, die in ganz NRWRelevanz haben und dann auch in der »Aktuellen Stunde« und auf allen Radiowellen laufen. Die drei anderen Arbeitsplatzinseln im Großraumbüro sind nach Medien auf- geteilt: »Lokalzeit«, online, Radio. Neun sogenannte Funktionsdienste sieht der Plan vor, und jeder Redakteur, jede Redakteurin wird – vom Planer bis zum Senderedakteur – mindestens drei Posi- tionen eingesetzt. „Das Aufgabenfeld ist größer geworden“, sagtRedakteur ThomasReichenau. Als er 1998anfing,mussteer sich ausschließlich mit dem Fernsehen auskennen. Heute wird er Schicht- weise als Onliner einge- setzt, und als Planungsre- dakteur muss er auch wie ein Radiomacher denken können. Die Technik ändert sich, die Arbeit auch, die journalistische Ausrich- tung im Grunde nicht. „Wir versuchen, unsere Region abzubil- den“, meint Reichenau. „Das habenwir vor 20 Jahren gemacht, und das machen wir heute. Vielleicht ein bisschen flotter, ein bisschen verständlicher und emotionaler als früher.“ Redakteur Eckhard Pletz begann seine Laufbahn 1981 als Volontär im Studio Siegen, wurde 1984 Regional- korrespondent und arbeitete damals im Grunde schon „crossmedial“: für Radio und Fernsehen. Die TV-Stücke produzierte der WDR-Journalist in Dortmund. Pletz ist heute der Redak- teur mit denmeistenDienstjahren und betrachtet die Entwicklung etwas kriti- scher: „Früher hatte man mehr Zeit, auch mal journalistisch in die Tiefe zu gehen, sich mal festzubeißen. Das Geschäft ist schnelllebiger geworden, die Halbwertzeit der Beiträge kürzer.“ Natürlich wird der runde Geburtstag auch gefeiert. Am6. Oktober lädt derWDR zum „Tag der offenen Tür“ ins Studio. Von WDR-Studio Siegen Tag der offenen Tür SA / 6. Oktober / 11:00 bis 17:00 Es dauert noch bis 1984, dass in den Räumen einRadiostudio eingerichtet wird. Aber schonMitte der 70er kommen aus Sie- gen 600 Beiträge im Jahr und ungezählte Nachrichten. Ab 1996 produzierenmittler- weile 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbei- ter auch Fernsehen. Aus den drei kleinen Räumenwerdenbis 2007 sechs Stockwerke – immer noch an derselben Adresse. Und wahrscheinlich verstaubt in irgendeinem Kabelschacht noch ein Stück Leitung des alten Fernschreibers. Mit dem Umzug 2007 ins Sieg Carré, einemoderneMall mit Glasfassade, bekom- men die Siegener das erste komplett digitale Studio, das alsVorbild für alle anderenWDR- Studios dient. Und da man hier im Süden offenbar gut mit Innovationen zurecht- Das Siegener WDR-Team im Jubiläumsjahr. Seit 2007 ist das WDR- Studio im Sieg Carré angesiedelt. Die Planungsinsel im Großraumbüro: Klaus Tewes ist heute Langzeitpla- ner, Ayla Pilli (vorne) Newsplanerin, Sachbearbeiterin Alexandra Belling- röhr assistiert. Thomas Reichenau begann als TV-Redakteur. Heute muss er online und Radio mitdenken. Eckhard Pletz volontierte schon 1981 beim WDR und ist in Siegen der Redakteur mit den meisten Dienstjahren. 11.00 bis 17.00 Uhr werden die Besucher im Zehn-Minuten-Takt durch das Studio geführt. „So können über 700 Menschen kommen“, sagt Beate Schmies, und mit so vielen rechnet sie auch. Einige Führungen machen die Moderatoren selbst, die Maus kommt zu Besuch, und als besonderes Highlight bauen die Kollegen vom Inno- vation Lab aus Köln das virtuelle Bergwerk auf. Am9. Oktober findet in der Siegerland- halle der offizielle Festakt statt. Intendant TomBuhrowwird gratulieren, Regierungs- präsident Hans-Josef Vogel hält eine Rede, Siegens Bürgermeister SteffenMues sowie Vertreter aus Wirtschaft, Kultur und Kir- che werden zu Gast sein. Und eine Band aus jungen Siegener WDR-Mitarbeitern rockt die Feier. Dann kehrt wieder der Alltag ein. Aber auch da pf legt das Studio engen Kontakt zum Publikum. Redakteurin Lea Grote, seit einem Jahr im Team, erzählt: „Leute rufen an, schreiben E-Mails, man- che kommen auch vorbei. Sie wenden sich mit Problemen an uns, haben oft gute Themen-Ideen.“ »Lokalzeit«- Moderator Stefan Fuckert trifft seine Zuschauer schonmal imFitnessstudio: „Da ist so ein Rentnertrupp. Die Leute sagen jedes Mal: ‚Stefan, heute Abend sehen wir dich wieder. Um 19.30 Uhr sitzen wir mit der Flasche Bier vorm Fern- seher!‘ Irgendwie kriegen die immer Durst, wenn ich moderiere.“ Christian Gottschalk „Wir berichten aus der industriereichsten Region des Landes.“ In Siegen gibt es keine nach Medien sortierte Redaktionen mehr.

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