WDRprint April 2019

23 22 Titelthema Herr Yogeshwar, Sie kommen aus Australien und sind auf dem Sprung nach China. Wie kommen Sie mit dem Jetlag klar? [lacht] Seit zwei Monaten sindmeine Organe immer in der falschen Zeit, das ist nicht immer leicht. Aber gut, das gehört bei einem so breiten Thema dazu. Vielleicht sollte ich aber die nächste Doku über etwas machen, das an einem Ort stattfindet. Sie beschäftigen sich schon seit längeremmit den Chancen und Risiken von Künstlicher Intelligenz. Was zeichnet KI aus? Der Begriffwird sehr weit verwendet, aber nicht über- all, wo Intelligenz draufsteht, ist auch Intelligenz drin. Heute werden einem sogar Waschmaschinen als „intel- ligent“ verkauft, die in Wirklichkeit saudumm sind. Man kann es vielleicht so verdichten: Seit einpaar Jahren istman Dank schneller Computer in der Lage, die vernetzte Struk- tur unserer Gehirnzellen mit mathematischen Modellen zu simulieren. Man spricht von digitalen neuronalen Net- zen, und diese sind, wie wir Menschen, lernfähig. Durch Training schaffen sie es, unterschiedliche Handschriften, Verkehrsschilder, Autokennzeichen oder verschiedene Ele- mente innerhalb eines Bildes zu erkennen. Bei der Bild- erkennung sind diese Systeme inzwischen so leistungsfä- hig, dass sie bei manchenAnwendungen sogar besser sind alswirMenschen. Es gibt KI-Systeme, die Parkinson, Krebs oder Depressionen sogar früher erkennen als ein Arzt. Wir waren zum Beispiel an der Stanford University in Kalifornien und der Aston University Birmingham, woWissenschaftler genau solche Systeme programmiert haben. Man macht etwa mit dem Handy ein Bild einer Röntgen- aufnahme und bekommt fünf Sekunden später eine genaue Diag- nose. Gerade dort, wo Fachärztemangel herrscht, öffnet sich eine großartige Chance. Natürlichwird der Arzt nicht komplett ersetzt, doch mit solchen Hilfsmitteln verbessert sich zum Beispiel die Früherkennung. In Science Fiction wird oft die Dystopie einer Welt entworfen, in der die Maschinen die Menschen beherrschen. Besteht diese Gefahr? Die außergewöhnlichen Fä- higkeiten der KI beschränken sich zunächst auf die digitale Welt: Maschinen können Menschen im Schachbesiegen, sind aber bislangnicht inder Lage, das Schachspiel aus demRegal zu holen und aufzubauen. Bei meinenReisenwar es faszinierend zu sehen, was auf der einen Seite allesmit KI möglich ist, und auf der anderen Seite zu erkennen, wowirMenschen genial und nicht zu überholen sind. Sertac Karaman, einer der führenden Fachleute imBereichautonomes FahrenamMassachusetts Institute of Technology – kurzMIT– inBoston, erklärte es so:WirMenschen können schon am Gesichtsausdruck eines Fußgängers erkennen, ob dieser die Straße überquerenmöchte oder nicht. Wenn ein Ball auf die Fahrbahn rollt, dann ahnen wir, dass wahrscheinlich ein Kind folgen wird. Dieses Bauchgefühl fehlt jedoch der Maschine und ist extrem schwer zu programmieren. Zu welchen Hotspots der KI-Forschung sind Sie noch gereist? Neben den USA, Großbritannien, Australien und China haben wir uns auch in Deutsch- land umgesehen. Wir waren zum Beispiel bei einem der weltweit führenden Roboterhersteller in Augsburg, und natürlich haben wir auch die Forschungszentren der Autoindustrie besucht. Wurden Sie überall mit offenen Armen empfangen? Man kommt nicht immer einfach in Labors rein, damussman eine Menge dicker Bretter bohren und Überzeugungsarbeit leisten. Teilweise haben mir da meine guten Kontakte in die Wissenschaft geholfen, undwir konntenuns spannendeEntwicklungenansehen. Selbst in China hat man uns manche Tür geöffnet. Bei Google hin- gegen war das wirklich zäh. Bei einem so relevanten Unternehmen finde ichein solchesVerhaltenauchunter demokratischenGesichts- punkten fragwürdig. Google zählt, fürmanchewahrscheinlichüber- raschend, zu den aktivsten Lobbyisten bei der EU. Der Konzern hat in den vergangenen Jahren über 200 Meetings mit EU-Politikern „Es ist faszinierend zu sehen, was mit KI möglich ist und wo wir Menschen genial und nicht zu überholen sind.“ gehabt. Dochder Internetriese ist offenbar eher reserviert, wennwir Journalisten kritische Fragen stellen. Welche Geschichte hat Sie besonders erstaunt? Die von Prof. Hugh Herr. Als Jugendlicher war er ein talen- tierter Extrembergsteiger, doch im Alter von 17 Jahren geriet er während einer Bergtour in einen Schneesturm. Erst nach Tagen wurde er mit schweren Erfrierungen geborgen. Man musste ihm beide Beine amputieren. Hugh studierte Maschinenbau und Bio- physik und begann damit, intelligente Prothesen zu entwickeln. Inzwischen geht, joggt und klettert er und sagt von sich selbst: „Ich bin nicht behindert!“ Er formulierte es wie folgt: „Inzwischen wird mein Körper immer älter, wohingegen meine Beine immer jünger werden; die kriegen nämlich alle dreiWochen einUpdate!“ Heute bekommen viele ältere Menschen ein künstliches Hüftgelenk, doch wennman diese Entwicklung konsequent wei- terdenkt, dann werden irgendwann alte Menschen, deren Beine nicht mehr mitmachen, mit intelligenten Prothesen ausgestattet. Das kann man schauerlich finden oder großartig. Wer forscht hauptsächlich auf dem Gebiet der KI? Private Unter- nehmen oder wissenschaftliche Einrichtungen? Es gibt unterschiedliche Herangehensweisen. In den USA findet ein Großteil der Forschung bei großen Firmen oder Start- ups statt und ist an irgendein Business-Modell gekoppelt. ➔ Ranga Yogeshwar aus China: „Zu Besuch beim Shenzhen Longgang Smart Center. Hier versucht man eine ‚Smart City‘ aufzubauen. Es geht dabei weniger um die Überwachung des Bürgers – das wird häufig an erster Stelle in unseren Medien genannt –, sondern um die Steuerung einer Stadt. Von der Müllabfuhr bis zur Wasserversorgung, von Baumaßnahmen bis hin zu Bürger- fragen wird hier alles mit digitalen Daten gesammelt und ausgewertet. Dahinter steht die Vision einer ‚planbaren und rationalen Gesellschaft‘. Das Center ist eine Art Kontrollzentrum einer Megastadt. Für uns Europäer wirken solche Institutionen befremdlich, doch in China gibt es die wachsende Heraus- forderung, das Leben in Megastädten zu organisieren.“ Fotos: WDR Roboter-Restaurant in Peking: Bei diesem Projekt versucht man ein vollauto- matisches Food-Processing. Über 20 Millionen Dollar wurden investiert. Roboter liefern das Essen bis an den Tisch. China probiert aus.

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