WDRprint Sept./Okt. 2019

63 Medienmenschen am Tag zu üben. Das staatliche Musik- schulsystem erwies sich ebenfalls als Glücksfall. Als 17-Jähriger bekamMăcelaru ein Stipendium in den USA. Und während er vorher noch damit gehadert hatte, nicht imWesten geboren worden zu sein, stellte er dort fest, dass dies auch Vorteile brachte. „Weil Rumänien kein reiches Land war, wurden andere Dinge wertvoll. Für mich war es die Musik. Während in den USA Musikschulen teuer sind, bekam ichmeine Ausbildung umsonst. Und es zeigte sich, dass sie spektakulär gut war.“ Mit 23 Jahrenwurde der Rumäne jüngs- ter Konzertmeister des Mi ami S ymphony Orchestra. Allerdings reichte ihm die Geige bald nicht mehr. „Ich hatte zu viele eigene Ideen. Das führte stän- dig zu Differenzen mit demDirigenten.“ Măcel a r u b e - schloss, selber Dirigent zu werden und absolvierte ein Studium und mehrere Meisterkurse. Zu seinen Mentoren gehörten Larry Rachleff, Yannick Nézet- Séguin und Rafael Frühbeck de Burgos. 2011 bekam er seine erste Anstellung beim Philadelphia Orchestra. Erste größere Auf- merksamkeiterhielter,alserzweiJahrespäter für den erkrankten Pierre Boulez beim Chi- cago Symphony Orchestra einsprang. Sein Vertretungsjob verschaffte ihm das Renom- mee, auch als Gastdirigent international mit beeindruckenden Aufführungenglänzenzu können. Der Name Cristian Măcelaru war etabliert. Musik ist für denneuenChefdirigenten des WDR Sinfonieorchesters mehr als nur ein ästhetisches Klangereignis. Er schätzt sie als Kommunikationsmittel, das elementare Emotionenberührt: „Musikhilft, dieeigenen Gefühle zuverstehen. InvielerleiHinsicht ist sie eine der ursprünglichsten menschlichen Erfahrungen.“ Das habe auch gesellschaftli- che Relevanz. „Eine Gesellschaft, die durch Musik und Kunst sensibilisiert ist, kann nur MMUNIKATION einbringen kann.“ Für den Dirigenten bie- tet das große Potenzial des Orchesters den Anreiz: „Ich halte es für extremflexibel und sehr leidenschaftlich. Ich spüre, dass es ein noch größeres Statement setzen will.“ Musikalische Kinderstube Cristian Măcelaru kommt aus einem lebhaften Elternhaus. Geboren 1980 im rumänischen Temeswar, lernten er und seine neun älteren Geschwister schon früh ein Instrument. „Ich bin in einer musikali- schen Kakophonie aufgewachsen. In jedem Raum unseres Hauses ertönte ein anderes Instrument und ein anderesMusikstück. Es war eigentlich kaum auszuhalten!“ Seine Wahl fiel auf die Geige. Neben Talent hatte der Benjamin der Familie auch genügend Begeisterung, mehrere Stunden Antrittskonzert Cristian Măcelaru Philharmonie Köln FR + SA / 6. + 7. September / 19:00 Einführung mit Cristian Măcelaru, 20:00 Konzertbeginn besser sein“, ist er überzeugt. „Musik und Kunst lehren uns, aufeinander zu hören und empathisch zu sein. Musik allein wird die Welt nicht retten, aber dieMenschen, die sie berührt, können es.“ Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch die Stückauswahl für sein Antritts- konzert: Gustav Mahlers vierte Sinfonie undAntoninDvořáks "TeDeum".Măcelaru: „DieMahler-Sinfonienimmt unsmit ineine ideale Welt, die so unschuldig wie die Psy- che eines Kindes ist. Auch in Dvořáks ,Te Deum' spürtmandas. Die spirituellstenund intimsten Momente, die wir in der Musik finden, sollten so sein, wie sich ein Kind den Himmel vorstellt.“ Von Philadelphia an den Rhein CristianMăcelaru wird das Orchester zu- nächst drei Jahre lang leiten. Um sich seiner Aufgabe voll widmen zu können, ist er mit seiner Frau Cheryl und seinen beiden Kin- dernvonPhiladelphia andenRheingezogen. Während die bodenständige Unerschütter- lichkeit, die man ihm nachsagt, nur vor ersten Proben ins Wanken gerät, sind Kon- zerte für ihn kein Problem. „Ich bin absolut entspannt, weil ich weiß, dass ich meinen Job getan habe. Ich kannmich dann voll auf die Musiker verlassen“, erklärt er. Lampen- fieber oder Rituale vor denKonzerten kennt er nicht.Măcelaru: „Ichmag es, wennmeine Kinder da sind.Wir spieleneinbisschenmit- einander. Dann ziehe ichmich umund gehe auf die Bühne.“ „Ich spüre, dass das Orchester ein noch größeres Statement setzen will!“ WDR 3 FR / 6. September / 20:04 „Musik allein wird die Welt nicht retten, aber die Menschen, die sie berührt, können es.“ Der rumänische Musiker und Dirigent Christian Măcelaru ist der neue Chef­ dirigent des WDR Sinfonie­ orchesters. Foto: WDR

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